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War Merit-Neith die erste Frau auf dem ägyptischen Thron?

Einfach erklärt

Ein altes Foto zeigt Tonabdrücke von Siegeln, auf denen möglicherweise ein königliches Zeichen von Merit-Neith zu sehen ist. Das könnte bedeuten, dass sie vor etwa 5000 Jahren selbst über Ägypten herrschte – und nicht nur für einen König einsprang. Sicher ist das aber nicht: Die Siegel sind verloren, und Fachleute müssen das Foto vorsichtig deuten.

Ein Grab, das aus der Reihe fällt

Merit-Neith lebte vor rund 5000 Jahren in der frühen Zeit des ägyptischen Königtums und Jahrhunderte vor dem Bau der Pyramiden von Gizeh. Nach den bisherigen Erkenntnissen könnte sie eine Tochter von Djer gewesen sein, der als dritter König der 1. ägyptischen Dynastie gilt. Ihre Bestattung spricht dafür, dass man ihr eine herausragende Stellung zuschrieb: Sie erhielt ein Grab auf einem königlichen Friedhof in Abydos, einer heiligen Stadt, in der Herrscher jener Zeit beigesetzt wurden.

Das Grab war weit mehr als eine einfache Ruhestätte. Es war mit kostbarer Ausstattung versehen und dürfte sorgfältig gefertigte Gegenstände aus Stein, Elfenbein und Kupfer enthalten haben. Zusammen mit dem Standort der Bestattung zeichnen diese Funde das Bild einer Frau, die dem Machtzentrum nahestand und keine gewöhnliche Person am Hof war. Doch ein prächtiges Grab beantwortet noch nicht die Frage, welche politische Rolle sie spielte. Eine hohe gesellschaftliche Stellung und die Verwandtschaft mit einem König bedeuten nicht automatisch, dass sie selbst den Thron innehatte.

Deshalb ist Merit-Neiths Stellung bis heute umstritten. Einige Forschende halten es für möglich, dass sie an der Herrschaft beteiligt war. Andere vermuten, sie habe in einer Übergangszeit die Staatsgeschäfte geführt – als Regentin für einen noch nicht regierungsfähigen Thronfolger. Eine königliche Frau, die in einem besonders aufwendig ausgestatteten Grab beigesetzt wurde, könnte selbst Macht ausgeübt haben. Ebenso könnte sie aber die Herrscherfamilie vertreten oder großen Einfluss besessen haben, ohne den Titel einer Herrscherin zu tragen. Um zwischen diesen Möglichkeiten zu unterscheiden, braucht es mehr als Hinweise auf Reichtum und Rang.

Das königliche Zeichen fehlt auf dem Grabmal

Um herauszufinden, wer in einem Grab bestattet wurde, untersuchen Forschende unter anderem aufrechte Steintafeln, die als Grabstelen bezeichnet werden. Sie tragen häufig Inschriften, die an die verstorbene Person erinnern. Auf Merit-Neiths Grabstele fehlt jedoch ein Zeichen, das direkt darauf hindeuten könnte, dass sie bei ihrem Tod als Herrscherin galt. Dieses Fehlen erschwert den Vergleich mit den Königen, die in ihrer Nähe begraben wurden.

Gemeint ist der Serech: ein königlicher Rahmen, in dem die stilisierte Fassade eines Palastes dargestellt ist. Darüber befindet sich gewöhnlich ein Symbol für den Schutzgott des Königs. Besonders eng mit dem Zeichen verbunden war Horus, der oft als Falke abgebildet wurde. Taucht ein Serech zusammen mit dem Namen eines Herrschers auf, kann das auf dessen königlichen Rang hinweisen. Dass er auf Merit-Neiths Grabstele fehlt, hat deshalb Forschende vorsichtig gemacht, die sie als eigenständig regierende Königin bezeichnen möchten.

Doch nur weil das Zeichen auf der Stele nicht zu sehen ist, muss es nicht auch an allen anderen Orten gefehlt haben. Genau deshalb sind Tonabdrücke von Siegeln für eine neue Untersuchung so wichtig. Sie lenken den Blick weg von dem, was auf dem Grabmal fehlt, und hin zu einem anderen Fund, der möglicherweise mit Merit-Neiths Namen verbunden ist – und ein Zeichen bewahrt haben könnte, das auf der Stele nicht erhalten blieb.

13 Siegelabdrücke auf einem alten Foto

Die Ägyptologinnen Sue Kelly von der Charles University in Tschechien und Crystal Miller von der University of Bucharest in Rumänien untersuchten eine Gruppe von 13 Tonabdrücken. Sie waren 1946 von dem britischen Ägyptologen Walter Emery in einem anderen Grab entdeckt worden. Einer der Abdrücke fiel besonders auf: Er zeigt zwei Serechs. Der eine wird mit Djer in Verbindung gebracht, der andere könnte den Namen Merit-Neiths enthalten.

Die Siegelabdrücke selbst standen für die Untersuchung nicht mehr zur Verfügung; sie waren schon vor langer Zeit verloren gegangen. Erhalten geblieben war lediglich ein altes Schwarz-Weiß-Foto, auf dem die Einzelheiten nur sehr undeutlich zu erkennen sind. Emery hatte schon bei der Entdeckung auf die Bedeutung des Abdrucks hingewiesen. Spätere Forschende fanden das Foto jedoch nicht überzeugend genug, um es als klaren Beleg dafür anzusehen, dass Merit-Neith ein königliches Zeichen führte.

Kelly und Miller behandelten die Aufnahme nicht als eindeutige Darstellung, sondern prüften sie erneut mit digitalen Werkzeugen. Damit verbesserten sie den Kontrast und hoben Kanten und Formen hervor. So ließen sich zwar weder die verlorenen Siegel zurückholen noch neue materielle Belege gewinnen. Die Bearbeitung machte jedoch Details sichtbar, die auf der erhaltenen Aufnahme zuvor kaum zu erkennen waren. Dadurch ließ sich das Zeichen auf dem zweiten Serech genauer lesen als anhand des ursprünglichen Fotos.

Eine Göttin statt des Falken

Das wichtigste Ergebnis der Untersuchung: Der zweite Serech scheint von einem Symbol der Göttin Neith gekrönt zu sein – nicht von dem männlichen Zeichen, das üblicherweise mit den Herrschern jener Zeit verbunden war. Kelly hält diese Wahl für bedeutsam. Ihrer Deutung nach wurde dieses Symbol nicht für einen männlichen König verwendet. Falls der Name Merit-Neith auf dem Siegel richtig gelesen ist, könnte die Verbindung von Name und königlichem Zeichen ein wichtiger Hinweis darauf sein, dass sie nicht allein durch ihre Abstammung oder als Regentin mit dem Thron verbunden war. Möglicherweise galt sie selbst als Herrscherin.

Es ist allerdings wichtig, zwischen dem zu unterscheiden, was auf dem Foto zu erkennen ist, und den Schlussfolgerungen, die Forschende daraus ziehen. Die verbesserte Aufnahme lässt das Zeichen deutlicher hervortreten. Ob der Serech tatsächlich Merit-Neith zuzuordnen ist und was das politisch bedeutet, muss jedoch erst gedeutet werden. Die Untersuchung stützt sich nicht auf erhaltene Siegel, die sich erneut direkt prüfen ließen, sondern auf ein altes Foto eines verschollenen Fundes. Das neu erkannte Zeichen stärkt die Vermutung, dass Merit-Neith selbst geherrscht haben könnte. Fragen zur Lesung des Namens und zur Rolle der auf dem Siegel genannten Person im Regierungssystem bleiben aber offen.

Auch ein Zeichen, das sich von den üblichen Symbolen männlicher Herrscher unterscheidet, beweist für sich genommen weder den genauen Umfang ihrer Macht noch, wie lange sie regierte. Es eröffnet jedoch die Möglichkeit, dass königliche Zeichen in der Frühzeit des ägyptischen Staates nicht auf eine einzige Form beschränkt waren. Eine Frau aus der Herrscherfamilie könnte demnach mit eigenen Zeichen dargestellt haben, dass sie rechtmäßig herrschte. Der Siegelabdruck wäre dann mehr als eine Verzierung: Er könnte etwas darüber verraten, wie Herrschaft in einer Gesellschaft ausgedrückt wurde, deren politisches System sich noch entwickelte.

Warum der Titel „Pharao“ nicht ganz passt

Begriffe aus späteren Epochen sollte man nicht ohne Weiteres auf Merit-Neiths Zeit übertragen. Die Bezeichnung „Pharao“ wurde für die Herrscher Ägyptens erst etwa 1000 Jahre nach ihrem Leben gebräuchlich. Sie als erste Pharaonin zu bezeichnen, ist im heutigen Sprachgebrauch zwar verständlich, entspricht aber nicht dem Titel, den man in ihrer Zeit verwendet hätte. Präziser ist die Frage, ob sie als Königin oder Herrscherin regierte – und dabei zu berücksichtigen, dass sich Titel und königliche Zeichen im Laufe der Geschichte veränderten.

Merit-Neith lebte in einer sehr frühen Phase der Entstehung des ägyptischen Königtums, während der 1. Dynastie. Damals müssen die Grenzen zwischen eigener Herrschaft, Regentschaft und Beteiligung an der Staatsführung nicht so klar gewesen sein, wie man es sich beim Blick auf stabilere Königreiche späterer Zeiten vorstellt. Deshalb untersuchen Forschende verschiedene Hinweise – von der Lage der Gräber bis zu Inschriften und Siegeln –, um ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild von der Stellung und Rolle einzelner Personen zu gewinnen.

Dass ein Zeichen auf einer Grabstele fehlt, möglicherweise aber auf einem Siegel an anderer Stelle auftaucht, zeigt zugleich, wie lückenhaft archäologische Belege sein können. Funde sind der Forschung nicht immer vollständig erhalten geblieben; manchmal verschwinden die Originale, während nur Fotos von ihnen übrig bleiben. Ist auch die verfügbare Aufnahme verblasst oder undeutlich, können digitale Werkzeuge helfen, Einzelheiten herauszuarbeiten. Aus einer Vermutung machen sie jedoch nicht automatisch Gewissheit. Ihr Wert liegt darin, das vorhandene Material genauer lesbar zu machen – nicht darin, alles Verlorene zu ersetzen.

Ein Hinweis auf weibliche Herrschaft

Susan Onstine, Ägyptologin an der University of Memphis und nicht an der Untersuchung beteiligt, sagt, solche Arbeiten könnten helfen, verbreitete Annahmen über Titel und Grabbeigaben zu überprüfen. Wenn man von vornherein davon ausgeht, dass die höchsten Ämter Männern vorbehalten waren, können Hinweise auf die Macht einer Frau vorschnell als Regentschaft oder Einfluss innerhalb der Familie erklärt werden. Das gilt selbst dann, wenn es Hinweise gibt, die genauer geprüft werden sollten.

Onstine hält die neue Arbeit für überzeugend, glaubt aber nicht, dass die Debatte über Merit-Neith damit beendet ist. Die Belege sind weiterhin begrenzt, das ursprüngliche Siegel ist verschollen, und die Lesung der Zeichen hängt davon ab, wie ein historisches Foto interpretiert wird. Dennoch stützt die Untersuchung die Vorstellung, dass es in der frühen Phase des ägyptischen Königtums Raum für weibliche Führung gegeben haben könnte. Frauen von der Herrschaft grundsätzlich auszuschließen, wäre demnach eine zu einfache Annahme.

Die Studie erschien im Prague Journal of Egyptian Studies. Die mögliche Lesung des Serechs auf Merit-Neiths Siegel gibt einer alten Debatte damit eine neue Grundlage. Ihre Bedeutung liegt nicht in einer endgültigen Aussage, die sich nicht mehr überprüfen ließe. Vielmehr verbindet die Untersuchung Hinweise aus dem königlichen Grab mit einer neu ausgewerteten Fotografie und stellt eine präzise Frage: Wie brachte das frühe Ägypten politische Macht zum Ausdruck?

Fazit

Die Tonabdrücke machen Merit-Neith zu einer ernst zu nehmenden Kandidatin für die erste Frau, die Ägypten eigenständig regierte. Ihr prächtiges Grab und die kostbaren Beigaben sprechen für ihren königlichen Rang. Hinzu kommt der Serech, der auf dem verbesserten Foto zu erkennen ist und offenbar ein Zeichen der Göttin Neith trägt – ein möglicher Hinweis auf direkte Herrschaft. Weil die Originale fehlen und das Foto nur begrenzt aussagekräftig ist, bleibt Vorsicht geboten. Der Fall zeigt dennoch, dass die frühe Geschichte Ägyptens vielfältiger gewesen sein könnte, als traditionelle Vorstellungen darüber vermuten lassen, wer Anspruch auf den Thron hatte.