Einfach erklärt
Eine Studie hat Veränderungen im Blut von Frauen rund um die Menopause untersucht. Bestimmte Eiweiße standen später mit etwas schlechteren Ergebnissen bei Gedächtnistests und einem leicht höheren Risiko für Alzheimer-Demenz in Verbindung. Das heißt aber nicht, dass die Menopause Alzheimer verursacht oder dass jede Frau daran erkrankt.
Was verraten Eiweiße im Blut?
Eiweiße übernehmen im Körper viele Aufgaben. Einige lassen sich im Blut messen und geben Hinweise darauf, welche Vorgänge in Gewebe und Organen ablaufen. Ein Eiweiß, das mit dem Gehirn in Verbindung steht, zeigt allerdings nicht unmittelbar, was dort gerade geschieht. Und selbst wenn ein Eiweiß mit einer Krankheit zusammenhängt, muss es nicht die Krankheit auslösen. Betrachtet man mehrere Eiweiße gemeinsam, können ihre Muster dennoch Hinweise auf Veränderungen geben, die mit einer bestimmten Lebensphase oder einem biologischen Zustand einhergehen.
Die Studie ging einer Frage nach, die über die bekannten Beschwerden der Menopause hinausgeht: Verändert sich mit der nachlassenden Funktion der Eierstöcke auch das Muster der Eiweiße im Blut? Und gibt es dabei Überschneidungen mit Vorgängen, die für die Gesundheit des Gehirns und das Altern wichtig sind? Ein Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der University of California, Santa Barbara, und der University of California, San Francisco, arbeitete dafür mit Forschenden am Sunnybrook Research Institute in Toronto und an weiteren Einrichtungen zusammen. Die Studie wurde maßgeblich von Emily Jacobs von der University of California, Santa Barbara, und Kaitlin Casaletto vom Memory and Aging Center der University of California, San Francisco, geleitet.
Der erste Schritt: 80 Frauen in verschiedenen Phasen
Zunächst untersuchten die Forschenden Blutserumproben von 80 Frauen im Alter von 43 bis 58 Jahren. Anhand der etablierten STRAW+10-Kriterien ordneten sie die Teilnehmerinnen genau einer von drei Gruppen zu: vor der Menopause, in der Übergangsphase oder nach der Menopause. Mithilfe eines modernen Analyseverfahrens für Eiweiße namens NULISAseq erfasste das Team ein breites Spektrum dieser Moleküle und verglich die Muster zwischen den Gruppen.
Die Veränderungen im Übergang zur Menopause betrafen nicht nur einen einzelnen biologischen Vorgang. Sie zeigten sich unter anderem bei Prozessen, die mit Entzündungen, den Kontaktstellen zwischen Nervenzellen, dem Stoffwechsel und biologischen Abläufen im Zusammenhang mit Alzheimer verbunden sind. Besonders auffällig war ein Netzwerk aus 16 Eiweißen, deren Werte sich während der Übergangsphase veränderten. Diese Eiweiße standen unter anderem mit der Steuerung von Entzündungsreaktionen, dem Erhalt der Kommunikation zwischen Nervenzellen und der Stabilität von Nervengewebe in Verbindung.
Wichtig ist dabei der Vergleich zwischen der hormonellen Phase und dem Alter. Berücksichtigten die Forschenden das Lebensalter, hingen die Veränderungen der Eiweißwerte stärker mit den Hormonwerten und der jeweiligen Phase zusammen als mit dem Lebensalter. Das bedeutet nicht, dass das Alter für die Gesundheit des Gehirns keine Rolle spielt. Die Ergebnisse legen aber nahe, dass das Lebensalter allein die Veränderungen in dieser Lebensphase nicht vollständig erklärt und dass der hormonelle Umbruch mit messbaren biologischen Veränderungen einhergehen könnte.
Überprüfung an einer größeren Gruppe
Das Team wollte sich nicht allein auf die erste Untersuchung stützen: Mit nur 80 Teilnehmerinnen lassen sich die Ergebnisse nicht verlässlich auf größere Gruppen übertragen. Deshalb prüften die Forschenden das Muster anhand von Daten von 2.814 Frauen aus der UK Biobank. Sie verglichen Frauen ähnlichen Alters, die sich jedoch in unterschiedlichen Phasen der Menopause befanden. Für diese Analyse wurden Eiweiße im Blutplasma mit Olink gemessen – einem anderen Verfahren als bei der ersten Gruppe.
Auch in diesem Vergleich fanden sich Eiweißveränderungen, die mit der Übergangsphase zusammenhingen. Zugleich ergab sich ein breiteres Bild: Dazu gehörten höhere Werte für Entzündungsmarker und für sogenannte Abbauprozesse. Bei solchen Prozessen werden Bestandteile von Zellen oder Gewebe zerlegt. Außerdem zeigten sich Muster, die zu einer beschleunigten Alterung bestimmter Zellen und Organe passen könnten. Auch das Gehirn gehörte zu den Organen, die in diesem Zusammenhang betrachtet wurden. Dass die Signale in einer unabhängigen Stichprobe und mit einem anderen Messverfahren erneut auftraten, stärkt das Vertrauen in die Ergebnisse und macht es weniger wahrscheinlich, dass sie nur ein Zufallsbefund der kleinen ersten Gruppe waren.
Wenn die Forschenden von Hinweisen auf beschleunigte Alterungsprozesse sprechen, heißt das jedoch nicht, dass bei jeder Frau während der Menopause die Organe gleich schnell altern. Ebenso wenig ist damit bewiesen, dass die Veränderungen der Eiweißwerte unmittelbar Schäden verursachen. Gemeint ist vielmehr, dass mehrere biologische Messwerte in eine Richtung wiesen, die zu Veränderungen im Alterungsprozess passt. Welche Ursachen dahinterstecken und was die Beobachtungen für die Gesundheit einzelner Menschen bedeuten, muss weiter erforscht werden.
Gedächtnis und Denken bis zu 16 Jahre lang beobachtet
Um herauszufinden, ob die Eiweißmuster über Laborwerte hinaus mit späteren Veränderungen zusammenhängen, wertete das Forschungsteam Daten aus vier unabhängigen Gruppen älterer Frauen aus. Insgesamt nahmen 11.925 Frauen teil; das durchschnittliche Alter in den einzelnen Gruppen lag zwischen 60,7 und 72,1 Jahren. Die Forschenden verglichen die Werte der mit der Menopause verbundenen Eiweißmuster mit Ergebnissen aus Tests zu Gedächtnis und anderen geistigen Fähigkeiten sowie mit Daten zu Demenzerkrankungen.
Über alle vier Gruppen hinweg zeigte sich ein ähnlicher Zusammenhang: Frauen mit höheren Werten dieses Eiweißmusters schnitten bei den kognitiven Messungen im Durchschnitt schlechter ab. In der größten Gruppe für die Langzeitbeobachtung waren höhere Werte zudem mit einer leicht erhöhten Wahrscheinlichkeit verbunden, innerhalb eines Zeitraums von bis zu 16 Jahren die Diagnose Alzheimer-Demenz zu erhalten. Dass sich dieser Zusammenhang in vier unabhängigen Gruppen zeigte, macht ihn zu einem wichtigen Ansatzpunkt für weitere Forschung. Er erlaubt aber keine sichere Vorhersage darüber, was einer einzelnen Frau passieren wird.
Entscheidend ist der Unterschied zwischen einem Zusammenhang und einer Ursache. Die Studie beobachtete mehrere miteinander verbundene Muster: Die Menopause hing mit bestimmten Veränderungen der Eiweißwerte zusammen, und diese Veränderungen wiederum standen in später untersuchten Gruppen mit kognitiven Messwerten und dem Demenzrisiko in Verbindung. Daraus folgt jedoch nicht, dass allein die hormonellen Veränderungen diese Eiweißmuster ausgelöst haben oder dass die Eiweiße selbst die Krankheit verursacht haben. Demenz wird von vielen Faktoren beeinflusst. Die meisten Frauen erkranken nicht an Alzheimer, und mit den vorliegenden Ergebnissen lässt sich nicht feststellen, wer die Krankheit bekommen wird.
Warum die Lebensmitte für die Forschung wichtig ist
Die Ergebnisse aus der Lebensmitte sind deshalb interessant, weil messbare Veränderungen möglicherweise viele Jahre vor deutlich erkennbaren Gedächtnisproblemen auftreten. Diese Lebensphase könnte Forschenden helfen, besser zu verstehen, wie Risikofaktoren entstehen – und welche Bedingungen dem Gehirn helfen, seine Funktionen zu erhalten. Die Studie deutet darauf hin, dass der Übergang zur Menopause ein geeigneter Zeitpunkt ist, um die Gehirngesundheit genauer zu untersuchen. Nicht, weil die Menopause zwangsläufig zu einer Krankheit führt, sondern weil sie mit biologischen Veränderungen einhergeht, die sich verfolgen lassen.
Das Interesse steht in einem größeren Zusammenhang: Frauen machen rund zwei Drittel der Menschen mit Alzheimer aus. Außerdem verbringt eine Frau ungefähr ein Drittel ihres Lebens nach der Menopause. Diese Zahlen erklären für sich genommen weder die Unterschiede zwischen den Geschlechtern noch beweisen sie, dass die Menopause dafür verantwortlich ist. Sie machen aber deutlich, wie wichtig es ist, die Gehirngesundheit von Frauen über die gesamte Lebensspanne hinweg zu erforschen – besonders in der Lebensmitte, wenn die hormonellen Veränderungen beginnen.
Nach Ansicht der Forschenden könnte das Eiweißmuster künftig dabei helfen, aussichtsreiche biologische Messwerte oder mögliche Ansatzpunkte für Behandlungen zu finden. Denkbar wäre zum Beispiel, eines Tages einen Bluttest zu entwickeln, der bei der Einschätzung von Risiken hilft – ähnlich wie bestimmte Laborwerte zur Beurteilung von Risikofaktoren für Herzkrankheiten verwendet werden. Das ist jedoch eine mögliche Perspektive für die Forschung und kein fertiger klinischer Test. Es handelt sich auch nicht um ein anerkanntes Verfahren zur Diagnose von Alzheimer. Zunächst muss geklärt werden, welche Eiweiße besonders aussagekräftig sind, wie genau sie sich messen lassen und ob sich die Ergebnisse wiederholen und auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen übertragen lassen.
Was die Studie nicht aussagt
Die Ergebnisse zeigen nicht, dass die Menopause Alzheimer verursacht. Auch bedeutet ein erhöhter Wert bei einem einzelnen Eiweiß nicht, dass später zwangsläufig eine Demenz auftritt. Die Studie belegt ebenso wenig, dass eine Veränderung des Hormonspiegels oder eine bestimmte Behandlung die Krankheit verhindern kann: Vorbeugende Behandlungen wurden nicht untersucht und verschiedene Therapieansätze nicht miteinander verglichen. Die Ergebnisse ermöglichen Frauen auch keine individuelle Berechnung ihres Risikos. Der Zusammenhang wurde auf Gruppenebene beobachtet; was die einzelnen Veränderungen der Eiweißwerte für eine bestimmte Person bedeuten, ist noch nicht geklärt.
Viele Fragen sind offen: Wie verändern sich diese Messwerte bei derselben Frau über die Zeit? Welche Rolle spielen die schwankenden Hormonwerte und damit einhergehende Beschwerden, und welchen Einfluss haben andere Faktoren, die Entzündungen und Alterungsprozesse beeinflussen? Kann das Eiweißmuster im Blut unterschiedliche Entwicklungswege der Gehirngesundheit voneinander unterscheiden – oder spiegelt es eher allgemeine Veränderungen im Körper wider? Um diese Fragen zu beantworten, braucht es längere Beobachtungszeiträume, wiederholte Messungen und genauere Vergleiche zwischen Eiweißwerten und Funktionen des Nervensystems.
In diese Richtung planen die Teams aus Santa Barbara und San Francisco ein landesweites Langzeitprojekt. Es soll Frauen vom mittleren Lebensalter bis in spätere Lebensphasen begleiten und hormonelle Veränderungen, Eiweißwerte, Beschwerden und Veränderungen des Nervensystems im zeitlichen Verlauf erfassen. Eine solche Beobachtung könnte dabei helfen, die Reihenfolge der Entwicklungen besser zu verstehen: Was tritt zuerst auf? Welche Veränderungen verlaufen gleichzeitig? Und welche Faktoren hängen später mit einem besseren Erhalt der Gehirnfunktionen oder mit erhöhten Risiken zusammen?
Fazit
Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Übergang zur Menopause und Veränderungen von Eiweißen im Blut, die mit Entzündungen, der Funktion von Nervenzellen und Alterungsprozessen in Verbindung stehen. Die erste Analyse umfasste 80 Frauen im Alter von 43 bis 58 Jahren. Die Ergebnisse wurden anschließend bei 2.814 Frauen überprüft und schließlich mit Daten aus vier Gruppen von insgesamt 11.925 Frauen verglichen, deren durchschnittliches Alter zwischen 60,7 und 72,1 Jahren lag. Höhere Werte des Eiweißmusters standen mit schwächeren Ergebnissen bei kognitiven Tests und einem leicht erhöhten Risiko für Alzheimer-Demenz während einer Beobachtungszeit von bis zu 16 Jahren in Verbindung. Die Studie belegt jedoch keine Ursache und sagt nicht voraus, dass eine bestimmte Frau erkranken wird. Ihr wichtigster Beitrag ist ein neuer Ansatz, um die Gehirngesundheit in der Lebensmitte zu erforschen. Bevor aus den Messwerten ein Test oder eine Grundlage für Behandlungsentscheidungen werden kann, sind weitere Untersuchungen nötig.