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Ein Alzheimer-Mittel scheitert – und eine andere Aktie stürzt ebenfalls ab.

Einfach erklärt

Ein neues Medikament gegen Alzheimer konnte den Verlust von Denkvermögen und Alltagsfähigkeiten nicht bremsen. Danach fiel der Aktienkurs eines anderen Unternehmens, das an einem ähnlichen Mittel arbeitet. Doch ein Rückschlag bei einem Medikament beweist nicht, dass ein anderes ebenfalls scheitern wird. Dafür braucht es die Ergebnisse seiner eigenen Studie.

Ein Studienergebnis erschüttert die Aktie eines Konkurrenten

In der Woche vor der Veröffentlichung des Berichts brach die Aktie von ProMIS Neurosciences deutlich ein. Das Unternehmen entwickelt eine Behandlung für Menschen mit Alzheimer, die auf Amyloid zielt. Der Kursrückgang folgte auf eine Mitteilung von Acumen Pharmaceuticals: Deren Medikament, das nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert, hatte in einer Studie der mittleren Entwicklungsphase nicht besser abgeschnitten als ein Placebo. Es konnte den geistigen und den funktionellen Abbau nicht verlangsamen.

Mit geistigem oder kognitivem Abbau ist gemeint, dass Fähigkeiten wie Denken, Erinnern und Verstehen nachlassen. Der funktionelle Abbau zeigt sich dagegen darin, dass alltägliche Aufgaben zunehmend schwerfallen. Beide Bereiche sind wichtig, wenn ein Alzheimer-Medikament beurteilt wird. Schließlich soll eine Behandlung nicht nur einen biologischen Messwert im Gehirn beeinflussen, sondern den Betroffenen möglichst lange helfen, ihre Fähigkeiten zu bewahren.

Die verfügbaren Informationen zur Mitteilung enthalten keine Zahlen dazu, wie stark sich der Zustand der Teilnehmenden verschlechterte. Auch die Zahl der Teilnehmenden, die Dauer der Beobachtung und die genauen Merkmale der Studie werden nicht genannt. Deshalb lässt sich daraus weder die Größe eines möglichen Effekts ableiten noch beurteilen, ob bestimmte Teilergebnisse genauer untersucht werden sollten. Fest steht nur: Laut Unternehmen zeigte die Studie gegenüber dem Placebo keinen Unterschied, der eine Verlangsamung des geistigen und funktionellen Abbaus belegt hätte.

Der Kursrückgang betraf die Aktie eines Unternehmens, dessen eigenes Medikament nicht in einer vergleichbaren Studie gescheitert war. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer klinischen Nachricht über ein bestimmtes Produkt und der Reaktion von Anlegern, die daraufhin möglicherweise auch andere Unternehmen aus demselben Therapiefeld oder mit einer ähnlichen Grundidee neu bewerten. Aus geschäftlicher Vorsicht kann eine solche Reaktion nachvollziehbar sein. Ein direkter medizinischer Beleg für das Ergebnis eines anderen Medikaments ist sie jedoch nicht.

Was bedeutet es, Amyloid ins Visier zu nehmen?

Amyloid ist ein Protein, das mit Ablagerungen in Verbindung gebracht wird, die sich im Gehirn vieler Menschen mit Alzheimer finden. Ein Teil der Forschung zu möglichen Therapien setzt deshalb bei diesem Protein oder seiner Ansammlung an. Die Hoffnung: Eine solche Wirkung könnte den Verlauf der Krankheit beeinflussen. Doch ein plausibles biologisches Ziel allein garantiert noch nicht, dass es den Betroffenen besser geht. Entscheidend ist, was sich in Studien mit klar festgelegten klinischen Messgrößen bei den Patientinnen und Patienten zeigt.

Wichtig ist, zwischen einem gemeinsamen Angriffspunkt und einer identischen Behandlung zu unterscheiden. Zwei Medikamente können zwar auf derselben allgemeinen Idee beruhen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass sie gleich aufgebaut sind, dieselben Eigenschaften haben oder auf dieselbe Weise wirken. Die vorliegenden Angaben enthalten nicht genug Details, um Acumens Medikament und die Behandlung von ProMIS genau miteinander zu vergleichen. Es fehlen etwa Informationen über ihre Zusammensetzung, die Art, wie sie an ihr Ziel binden, und ihre Verabreichung. Die Beschreibung, beide wirkten nach einem ähnlichen Prinzip, darf daher nicht zu der Annahme führen, es handle sich um dasselbe Medikament in zwei Varianten.

Selbst wenn zwei Behandlungen auf denselben biologischen Angriffspunkt zielen, bleiben viele Fragen offen: Erreicht jede von ihnen ihr Ziel in ausreichendem Maß? Lässt sich bei den Betroffenen eine Wirkung nachweisen? Und wäre ein möglicher Nutzen groß genug, um den Folgen der Krankheit entgegenzuwirken oder den Alltag tatsächlich zu verändern? Die Ergebnisse einer einzelnen Studie beantworten diese Fragen nicht für einen anderen Wirkstoff.

Ein negatives Studienergebnis bedeutet auch nicht zwangsläufig, dass die gesamte Idee, Amyloid anzugehen, damit abschließend beurteilt wäre. Umgekehrt ist eine vielversprechende Grundidee kein Garant dafür, dass jede darauf beruhende Behandlung funktioniert. Für eine wissenschaftliche Bewertung müssen die Daten jeder Studie einzeln betrachtet werden; die allgemeine Ausrichtung eines Forschungsfelds oder ein ähnliches Ziel reichen nicht aus. Zwischen diesen beiden Polen liegt eine Vielzahl von Einzelheiten, die erklären können, warum eine Behandlung wirkt oder eben nicht.

Warum wehrte sich ProMIS gegen die Reaktion des Marktes?

Neil Warma, der Vorstandsvorsitzende von ProMIS, bezeichnete den Kurssturz seines Unternehmens als übertrieben und nicht gerechtfertigt. Er wandte sich gegen die Schlussfolgerung, Acumens gescheitertes Medikament sage automatisch auch das Scheitern der ProMIS-Behandlung voraus. Diese Einschätzung stammt von einem Verantwortlichen des betroffenen Unternehmens. Sie ist daher als seine Deutung der Reaktion von Anlegern zu verstehen und nicht als erwiesener Nachweis dafür, dass das Medikament von ProMIS wirksam ist.

Aus Sicht des Unternehmens reicht die Ähnlichkeit des Wirkprinzips möglicherweise nicht aus, um sein Entwicklungsprogramm zu beurteilen – besonders dann, wenn es Unterschiede gibt, über die bislang nichts bekannt ist. Anleger wiederum könnten Acumens Ergebnis als Anlass sehen, bei einer ganzen Gruppe von Behandlungen vorsichtiger zu werden, zumal die Unternehmen im selben Feld arbeiten und ähnliche Ziele verfolgen. Ein Signal, das zu einer Neubewertung führt, ist aber kein Beweis für das Ergebnis einer noch nicht veröffentlichten Studie.

Der Streit macht deutlich, dass die Beteiligten unterschiedliche Fragen stellen. Anleger versuchen, Risiken und den künftigen Wert eines Unternehmens einzuschätzen. Sie können auf die Möglichkeit reagieren, dass ein Hindernis mehrere ähnliche Entwicklungsprogramme betrifft. Forschende und Ärztinnen oder Ärzte brauchen dagegen konkrete klinische Daten, bevor sie sagen können, ob eine bestimmte Behandlung nützt oder nicht. So kann sich der Aktienkurs schnell ändern, weil sich Erwartungen verschieben, während die medizinische Bewertung offenbleibt, bis direkte Ergebnisse vorliegen.

Zu beachten ist außerdem: Die Beschreibung eines »starken Rückgangs« sagt zunächst nur etwas über die Kursbewegung aus. Sie verrät für sich genommen weder, wie groß der Rückgang war, noch wie lange er anhielt oder ob er den langfristigen Wert des Unternehmens widerspiegelt. Die verfügbaren Angaben nennen keine prozentuale Veränderung und enthalten auch keine Zahlen zum Handelsvolumen. Eine konkrete Prozentzahl oder eine genauere finanzielle Beschreibung hinzuzufügen, würde deshalb über das hinausgehen, was die vorliegenden Informationen belegen.

Was lässt sich aus einer Studie der mittleren Entwicklungsphase ablesen?

Klinische Studien werden in mehreren Phasen durchgeführt, die jeweils unterschiedliche Aufgaben bei der Entwicklung und Prüfung eines Medikaments haben. Die Bezeichnung als Studie der mittleren Entwicklungsphase ordnet Acumens Untersuchung in den Entwicklungsprozess ein. Für sich allein sagt sie jedoch nicht alles über den Aufbau der Studie aus oder darüber, wie gut sich ihre Ergebnisse auf andere Patientengruppen übertragen lassen. Auch die Zahl und das Alter der Teilnehmenden, die Behandlungsdauer und die im Einzelnen verwendeten Messgrößen werden in den verfügbaren Informationen nicht genannt.

Wenn sich in einer klinischen Zielgröße kein Vorteil gegenüber einem Placebo nachweisen lässt, bedeutet das: Die betreffende Studie hat ihr erklärtes Ziel laut der Mitteilung nicht erreicht. Ohne umfassendere Daten lässt sich daraus aber nicht ableiten, warum die Behandlung gescheitert ist. Die Ursache könnte mit Eigenschaften des Medikaments, dem Studiendesign oder anderen Faktoren zusammenhängen. Die hier verfügbaren Informationen legen keine dieser Erklärungen fest. Es wäre daher nicht gerechtfertigt, eine davon als Tatsache darzustellen.

Ebenso sollte man das Ergebnis einer Studie nicht mit einem abschließenden Urteil über alle Medikamente gleichsetzen, die sich noch in der Entwicklung befinden. Möglicherweise gibt es weitere Studien oder zusätzliche Daten. Die vorliegenden Informationen enthalten dazu allerdings keine Einzelheiten; weder deren Existenz noch ihre Ergebnisse dürfen einfach vorausgesetzt werden. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen: Acumens Medikament verlangsamte in der von dem Unternehmen gemeldeten Studie der mittleren Entwicklungsphase den geistigen und funktionellen Abbau gegenüber dem Placebo nicht.

Diese Zurückhaltung schmälert die Bedeutung des Ergebnisses nicht. Experimentelle Medikamente werden gerade deshalb geprüft, weil sich zeigen muss, ob eine plausibel erscheinende Idee auch in einen messbaren Nutzen mündet. Bleibt der erwartete Nutzen aus, ist das eine wichtige Erkenntnis für Betroffene, Forschende, Unternehmen und Anleger. Sie lässt sich jedoch am besten einordnen, wenn man ihre Grenzen beachtet und sie nicht auf Produkte überträgt, die in dieser Studie gar nicht untersucht wurden.

Medizinische Belege und Erwartungen der Anleger

In der Arzneimittelbranche treffen klinische Ergebnisse auf die Erwartungen der Finanzmärkte. Beide werden jedoch nach unterschiedlichen Maßstäben beurteilt. Eine Studie erfasst anhand eines festgelegten Plans Ergebnisse bei Patientinnen und Patienten. Die Märkte beschäftigen sich dagegen mit Wahrscheinlichkeiten: Wie groß sind die Erfolgsaussichten eines Projekts? Und wie verändern neue Nachrichten die Erwartungen für die Zukunft? Deshalb kann eine einzelne Meldung auch Unternehmen betreffen, die sie nicht selbst veröffentlicht haben, wenn Anleger bei ihnen ein ähnliches Risiko vermuten.

Doch die Ausbreitung finanzieller Sorgen ist nicht dasselbe wie die Übertragung eines medizinischen Ergebnisses. Dass die ProMIS-Aktie nach Acumens Mitteilung fiel, beweist nicht, dass die Behandlung von ProMIS gescheitert ist. Ebenso wenig beweist die Verteidigung des Unternehmens durch seinen Vorstandsvorsitzenden, dass das Medikament erfolgreich sein wird. Beides beschreibt eine Reaktion oder eine Einschätzung zu einem bestimmten Zeitpunkt im Entwicklungsprozess. Ob eine Behandlung wirkt, lässt sich nur anhand von Ergebnissen beurteilen, die sich auf genau diese Behandlung beziehen.

Leserinnen und Leser können die Nachricht besser einordnen, wenn sie drei Ebenen auseinanderhalten: erstens, was Acumen über seine Studie mitteilte; zweitens, was nach dieser Mitteilung mit der ProMIS-Aktie geschah; und drittens, wie der ProMIS-Chef den Kursrückgang erklärte. Die erste Ebene betrifft ein klinisches Ergebnis zu Acumens Medikament. Die zweite beschreibt eine Marktbewegung bei einem anderen Unternehmen. Die dritte ist die Einschätzung eines Unternehmensleiters dazu, ob die Reaktion der Anleger angemessen war. Werden diese Ebenen in einem Satz zusammengezogen, kann der Eindruck eines stärkeren Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs entstehen, als die Informationen hergeben.

Das Beispiel zeigt auch, wie wichtig es ist, nach den nicht genannten Daten zu fragen. Ein wissenschaftlicher Vergleich braucht genaue Angaben zu beiden Medikamenten und ihren Studien, nicht nur die allgemeine Aussage, sie hätten ein ähnliches Wirkprinzip. Für eine Bewertung der Finanznachricht wären Zahlen zum Aktienkurs und zum Unternehmen nötig. Der verfügbare Bericht nennt aber weder das Ausmaß des Kursrückgangs noch Handelsdaten. Die Grenzen der verfügbaren Informationen anzuerkennen, ist kein Mangel, sondern gehört zu einer sorgfältigen Einordnung.

Worauf kommt es als Nächstes an?

Für die Behandlung von ProMIS sind vor allem direkte Daten zu diesem Medikament entscheidend, sobald sie vorliegen. Die Schlussfolgerung aus dem Ergebnis eines Konkurrenten reicht dafür nicht aus. Bei der Auswertung solcher Daten sollte man fragen, welche Ergebnisse die Studie erfasst hat, wie klar sich die Behandlung von der Vergleichsgruppe unterschied und ob die beobachtete Veränderung das Denken oder die Fähigkeit, alltägliche Aufgaben zu bewältigen, betrifft. Die derzeitigen Informationen nennen weder einen Zeitplan noch Einzelheiten zu Studien von ProMIS. Deshalb lässt sich weder ein Termin noch ein erwartetes Ergebnis angeben.

Acumens Ergebnis sollte als wichtiger Teil der Entwicklungsgeschichte des Medikaments ernst genommen werden, ohne seine Aussagekraft überzustrapazieren. Die Mitteilung besagt, dass die Behandlung den geistigen und funktionellen Abbau in einer Studie der mittleren Entwicklungsphase im Vergleich zu einem Placebo nicht verlangsamte. Das verfügbare Material liefert jedoch nicht die detaillierten Zahlen, die nötig wären, um die Ursachen des Ergebnisses, mögliche Unterschiede zwischen Teilnehmergruppen oder andere Messwerte zu beurteilen.

Für die Öffentlichkeit steckt in solchen Nachrichten eine wichtige Lehre: Die Hoffnung auf eine neue Behandlung darf nicht zur Zusage werden, bevor sie ausreichend geprüft wurde. Umgekehrt sollte das Scheitern einer einzelnen Studie nicht als pauschales Urteil über jede Behandlung gelten, die ein ähnliches allgemeines Ziel verfolgt. Eine gute Einordnung nimmt die Nachricht ernst und unterscheidet zugleich zwischen dem, was bereits bekannt ist, und dem, was noch offenbleibt.

Fazit

Acumens Medikament konnte in einer Studie der mittleren Entwicklungsphase den geistigen und funktionellen Abbau bei Menschen mit Alzheimer gegenüber einem Placebo nicht verlangsamen. Nach der Mitteilung fiel die Aktie von ProMIS deutlich. Das Unternehmen entwickelt ebenfalls eine amyloidgerichtete Behandlung, die als ähnlich wirkend beschrieben wurde. ProMIS-Chef Neil Warma hielt die Reaktion der Märkte für überzogen, doch seine Einschätzung entscheidet nicht darüber, ob das Medikament seines Unternehmens wirkt. Die Nachricht bezieht sich auf Acumens Studie; aus der allgemeinen Ähnlichkeit der Ansätze lässt sich das Schicksal der ProMIS-Behandlung nicht ableiten. Bis direkte Daten zu ihr vorliegen, ist es entscheidend, klinische Ergebnisse, Aktienbewegungen und Erwartungen von Anlegern auseinanderzuhalten.